Nachruf Annemarie Burchardt

Annemarie Burchardt †

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Annemarie Burchardt anlässlich ihres 90. Geburtstags, Magdeburg, 2013
Annemarie Burchardt anlässlich ihres 90. Geburtstags, Magdeburg, 2013
Am 7. September 2016 verstarb in den Pfeifferschen Stiftungen zu Magdeburg unser langjähriges und hoch angesehenes Mitglied Annemarie Burchardt. Ein Leben, das der Ahnenforschung gewidmet war, hat sich vollendet.

Annemarie Burchardt erblickte am 17. März 1923 als Tochter des Oberregierungsrates Erich Burchardt und dessen Ehefrau Lisa in der Gareisstraße 10 in Magdeburg das Licht der Welt. Hier, in der repräsentativen Villa ihrer Großmutter, der Fabrikantin und Mäzenin Selma Rudolph geb. Budenberg, verbrachte sie ihre ersten glücklichen Lebensjahre. Später zog die Familie in eine Wohnung am Kaiser-Wilhelm-Platz 5 (heute Universitätsplatz). Annemarie besuchte das in der Nähe gelegene renommierte Elisabeth-Rosenthal-Lyzeum, nach dessen Schließung ab 1938 die Augustaschule. Dort legte sie das Abitur ab. Es folgten Reichsarbeitsdienst und die 1941 zusätzlich eingeführte Pflicht zum Kriegshilfsdienst. Bei der Firma Schäffer & Budenberg in Magdeburg-Buckau wurde sie in jenen Jahren zur Werkstoffprüferin ausgebildet. Während des schweren Bombenangriffs auf Magdeburg am 16. Januar 1945 musste sie mit ansehen, wie ihre Heimatstadt in Schutt und Asche fiel, wie verzweifelte Menschen den Weg aus den Flammen suchten und viele um sie herum den Tod fanden. Sie selbst überlebte in nasse Decken eingehüllt und mit Gasmaske vor dem Gesicht. Später hat sie diese und andere Erlebnisse gegenüber jüngeren Menschen eindrucksvoll geschildert, z.B. im Zeitzeugenprojekt des Geschichtsvereins für Magdeburg und Umland (www.zeitzeugenarchiv-magdeburg.de), in Erzählcafés, in Interviews für das regionale Fernsehen und Radio. Ihre Eindrücke aus jener Zeit wurden auch im Stadtarchiv Magdeburg archiviert.

Die elterliche Wohnung war nach dem Bombenangriff nicht mehr bewohnbar. Durch enorme Bombenschäden entfiel auch Annemarie Burchardts Arbeitsplatz bei Schäffer & Budenberg. Nun wurde sie im Lazarettdienst eingesetzt, der ihr eine neue berufliche Orientierung im medizinischen Bereich eröffnete. Ihr technisches Interesse und Geschick bewahrte sie sich jedoch ihr Leben lang. Nur wenige wissen, dass sie die Funktionsweise technischer Geräte gern ergründete und Reparaturen schon mal selbst in die Hand nahm. Das gehörte zu ihrer pragmatischen Art, Dinge anzugehen. Nur mit der PC-Technik mochte sie sich aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters nicht mehr auseinandersetzen.

Das nach dem Krieg angestrebte Medizinstudium konnte sie aufgrund der widrigen Zeitverhältnisse nicht aufnehmen. Hinzu kam, dass ihr Vater 1944 verstorben war und die familiäre Finanzsituation ungewiss blieb. Weitere persönliche Verluste waren zu beklagen, ihr Verlobter und nahe Verwandte hatten im Krieg ihr Leben gelassen. Aufgrund Annemaries Neigungen bot sich eine Ausbildung zur Medizinisch-Technischen Assistentin (MTA) an, die sie in den Jahren 1946 bis 1948 im Krankenhaus Sudenburg (später Medizinische Akademie, heute Universitätsklinikum) absolvierte. Den Beruf als MTA übte sie in der Pathologie dieses Krankenhauses mit großem Engagement aus. Sie schaffte es in leitende Positionen, verfiel nie in Routine, sondern interessierte sich für laufende medizinische Forschungsprojekte.

Mit dem Eintritt in das Rentenalter 1983 hatte Annemarie Burchardt endlich Zeit, ihrem schon lange ausgeübten Hobby, der Ahnenforschung, intensiv nachzugehen. Das Interesse daran wurde schon in jungen Jahren geweckt, als ihr Vater als Beamter den sogenannten „arischen Nachweis“ erbringen musste. Später war sie selbst unermüdlich in Archiven Magdeburgs und Umgebung unterwegs, um Fakten zum Leben ihrer Vorfahren und Anverwandten über Jahrhunderte zurück aufzuspüren. Viele von ihnen gehörten dem Großbürgertum an und spielten eine wichtige Rolle in der Magdeburger Kaufmannschaft. Namen, wie Coste, Fölsche, Baensch, Hauswaldt, Duvigneau, Zuckschwerdt, Budenberg sind nur einige aus der langen Reihe, die die Probandin zu DDR-Zeiten öffentlich lieber nicht erwähnen wollte.

Es war folgerichtig, dass Annemarie Burchardt durch ihr Hobby den Weg in die im Januar 1969 offiziell gegründete Arbeitsgemeinschaft Genealogie Magdeburg fand. Dort brachte sie sich mit Elan ein, indem sie u.a. das Archiv der Arbeitsgemeinschaft mit aufbaute. Das geschah in erster Linie durch Sicherstellung von Nachlässen verstorbener Genealogen, Gewährung des Zugangs zu Forschungsarbeiten und genealogischer Literatur und schließlich durch die Verkartung von in Archiven und Bibliotheken vorhandenen personenbezogenen Quellen. In ungezählten Stunden übertrug Annemarie Burchardt mit weiteren Genealogen Namen und Fakten aus Bürgerrollen, Einwohner- und Schülerverzeichnissen, alten Zeitungsanzeigen und kirchlichen Unterlagen auf Karteikarten. Durch diese enorme Fleißarbeit entstand in der Zeit, als es noch keine PC-Technik gab, die nach phonetischem Prinzip aufgebaute Magdeburger Namenkartei mit Informationen zu Personen hauptsächlich des 17./18. Jahrhunderts. Sie stellte die Basis der heute im Internet einsehbaren Magdeburger Familiendatenbank dar. Annemarie Burchardt war über viele Jahre eine der Hauptbearbeiterinnen dieser Namenkartei. Profitiert haben davon auch Archive, wie das Stadtarchiv Magdeburg, dem sie in der 1980er Jahren ein Namenregister der dort überlieferten Proklamationsbücher des 17./18. Jahrhunderts übergab. Es war ein Wesensmerkmal von ihr, dass sie die Ergebnisse ihrer eigenen Arbeiten und ihren Erfahrungsschatz selbstlos anderen zur Verfügung stellte. Gern erteilte sie Auskünfte, so dass die Bearbeitung schriftlicher Anfragen ein weiteres wichtiges Feld ihrer Tätigkeit wurde. Ihr Schriftwechsel mit Familienforschern nahm einen beträchtlichen Umfang ein, so dass sie weit über Magdeburg hinaus bekannt war. Sie sicherte die wöchentlichen Sprechstunden der Arbeitsgemeinschaft mit ab, bereicherte deren monatliche Zusammenkünfte durch Vorträge und bereitete Ausstellungen mit vor. Von 1981 bis 1986 leitete sie erfolgreich die Arbeitsgemeinschaft. Sie lebte vor, was sie von anderen forderte und mahnte immer wieder den Sinn des Begriffes „Arbeitsgemeinschaft“ an.

Als Mitglied der Otto-von-Guericke-Gesellschaft widmete sie sich u.a. den Beziehungen zwischen den Gerickes/von Guerickes zu anderen Magdeburger Familien. Zusammen mit dem Forscher Walter Strüby ging sie der Frage nach, ob Otto von Guericke in Magdeburg bestattet wurde. Die Ergebnisse erschienen in der Schriftenreihe der Arbeitsgemeinschaft Genealogie „Familienforschung Heute“ (Hefte 3 und 9) und in den „Monumenta Guerickiana“. Annemarie Burchardts Publikationen in der Reihe „Familienforschung Heute“ umfassten aber auch andere Themen, wie die Auswertung eines Scherenschnittalbums aus dem 18. Jh. (Heft 6), die Zuckerfabrikation in Magdeburg am Beispiel der Familie Burchardt (Heft 11), die aus der Schweiz eingewanderten Pfälzer Bürger (Heft 11), Geistliche und ihre Gemeinden während des Dreißigjährigen Krieges in Magdeburg und in der Diözese Burg (Heft 12) sowie Eheschließungen Magdeburger Kaufleute, Kaufmannswitwen und -töchter (Heft 14). Für andere Forscher sehr hilfreich waren besonders die von ihr zusammengestellten Übersichten zu überlieferten Magdeburger Kirchenbüchern (Hefte 3 und 10). Das Wissen dazu schöpfte sie aus ihrer ehrenamtlichen Mitarbeit in der Evangelischen Kirchenbuchstelle. Mit großem Eifer beantwortete sie auch dort über Jahrzehnte genealogische Anfragen. Solange es ihr möglich war, setzte sie mit der ihr eigenen Disziplin diese Arbeit in der Kirchenbuchstelle fort, zuletzt im heutigen landeskirchlichen Archiv in der Freiherr-vom-Stein-Straße 47. Doch ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich, ihre Mobilität schränkte sich mehr und mehr ein. 2012/2013 musste sie ihre ehrenamtliche Tätigkeit aus gesundheitlichen Gründen einstellen.

Einen Höhepunkt ihrer letzten Lebensjahre stellte im Herbst 2012 die Teilnahme an der Wiedereröffnung des Hauses des Handwerks in der Gareisstraße 10 dar. Nach der Wende hatte Annemarie Burchardt zusehen müssen, wie ihr Geburtshaus verfiel. Die Handwerkskammer hat es schließlich umfassend sanieren lassen und auch regen Kontakt zu der Verstorbenen als Zeitzeugin gepflegt. Knapp ein halbes Jahr nach der Eröffnung des Hauses feierte Annemarie Burchardt dort mit Verwandten, Freunden und Weggefährten ihren 90. Geburtstag. Den Erlös aus Geldspenden übergab sie – das entsprach ihrer christlichen Grundeinstellung – dem Kinderhospiz der Pfeifferschen Stiftungen. Sie bedauerte es dagegen sehr, das neue, im Sommer 2013 eröffnete Stadtarchiv in der Mittagstraße nicht mehr gesehen zu haben. Es folgten Krankenhausaufenthalte, und im Frühjahr 2014 zog sie aus ihrer Wohnung im Hochhaus Bertolt-Brecht-Str. 16 in das Pflegeheim „Haus Mechthild“ der Pfeifferschen Stiftungen um. Sie, die früher immer agil und von ihren Aufzeichnungen umgeben war, akzeptierte diese neue Lebenssituation schweren Herzens. Doch sie fühlte sich sehr wohl in diesem Heim. Bis auf wenige Ordner zur Familiengeschichte Burchardt hat sie ihre umfangreichen Unterlagen und etliche Bücher der Arbeitsgemeinschaft Genealogie überlassen. Einige gegenständliche Erinnerungsstücke aus dem Besitz ihrer bekannten Großmutter Selma Rudolph vermachte sie dem Kulturhistorischen Museum Magdeburg.

Vom Pflegeheim aus ließ sie sich über Neuigkeiten in der Arbeitsgemeinschaft unterrichten und verfolgte in der Tageszeitung das Geschehen in Magdeburg. Sie liebte ihre Heimatstadt. Diese zu verlassen, kam für sie niemals in Frage. Ihre letzte Ruhestätte fand sie auf dem Südfriedhof.

Im Gedächtnis jener, die sie kannten, wird Annemarie Burchardt in dankbarer Erinnerung fortleben. Wir gedenken ihrer in Ehren!

Maren Ballerstedt